Interview mit Ali Pasha Foroughi, Internet-Technologie Berater

By 18. Juli 2016 Allgemein One Comment
Ali-Pasha

In meinen Interviews befrage ich Menschen aus den unterschiedlichsten Berufsrichtungen zu ihrer Meinung, was in Zukunft für Unternehmen wichtig sein wird.

Ali Pasha Foroughi ist freier Software-Entwickler für Enterprise und Web, sowie Internet-Technologie-Berater. Seit 2006 beschäftigt er sich mit Web-2.0 Themen. Er war von 2011 bis 2014 Co-Organisator des Webmontag Frankfurt und ist auch der Mitgründer des Stadtmagazins „hallo frankfurt„, welches versucht, die Lebensgewohnheiten von Menschen in Frankfurt und RheinMain wiederzugeben, die sich oft in den traditionellen Medien nicht repräsentiert fühlen. Er twittert unter @alipasha

Kennen gelernt habe ich Ali Pasha vor drei Jahren in der Schlange am Buffet auf einem Barcamp in Wiesbaden. Wir kamen ins Gespräch, weil er davon beeindruckt war, dass ich schon vor allen Anderen Essen in der Hand hatte. Ich meinerseits war dann zunehmend davon beeindruck, was er alles auf die Beine stellt und seiner Sicht auf die Welt und habe mich daher sehr gefreut, dass er einem Interview zugestimmt hat.

Welche Trends/Entwicklungen beobachtest du in der Arbeitswelt?

Lass uns ein Gedankenexperiment starten. Was wäre wenn in der Zukunft die Klassiker Karl Marx und Adam Smith beide Recht behalten würden? Marx, der sich gegen die Entfremdung durch Arbeit und die Ausbeutung des Arbeitnehmers gestellt hat und Smith, der in der Arbeitsteilung und in der Steuerung durch die unsichtbare Hand des Marktes, die Maximierung der Produktivität der Ressourcen gesehen hat. Beide könnten in einer Welt, in der Maschinen die produktive Arbeitswelt komplett übernehmen werden, Recht bekommen. Wenn kaum noch jemand produktive Arbeit leistet, wird niemand fremdbestimmt und ein nicht existierender Arbeitnehmer wird nicht durch Kapitalismus ausgebeutet. Wenn Maschinen sich kontinuierlich effizienter und effektiver reproduzieren, wird Kapital als Ressource maximal produktiv. Die Frage, die sich dann stellt ist, was machen die Menschen und wie wird das finanziert? Was ist wenn Menschen nicht mehr produktive Arbeit leisten, die vorrangig über die Produktivität gemessen wird, sondern humanitäre Arbeit, die sich nach Werten orientiert. Ein Mediziner, der sich Zeit für seine Patienten nimmt, weil er nicht pro Patient bezahlt wird, sondern sich selbst nach der Erfüllung seines hippokratischen Eids bewertet. Ein Künstler, der den Zeitgeist festhält und durch sein Werk wiedergibt, fühlt die kollektive Energie, die er/sie freilässt. Wenn wir erst mal anfangen die Bezahlung von der Arbeit abzukoppeln, bleibt nichts mehr viel vom 20. Jahrhundert übrig. Und wenn mich jemand fragt, wie wir das Ganze finanzieren werden wird, antworte ich: „Keine Ahnung“. Ich muss nicht alle Antworten parat haben, um eine Vorstellung zu entwickeln, was die Zukunft bringt. Wir sollten dennoch die Diskussionen über bedingungsloses Grundeinkommen sehr ernst nehmen. Diese Diskussion öffnet den Weg zu neuen Antworten und neuen Gedankenexperimenten über die Zukunft.

Was sind die größten Herausforderungen in den nächsten Jahren für Unternehmen?

Die eigene Identität finden. Was bringe ich als Unternehmen in diese Welt, das einen Mehrwert für die Gesellschaft hat? Welche Ressourcen nehme ich dafür in Anspruch? Kann ich die Schäden, die ich verursache durch den Mehrwert legitimieren? Ist mein Wachstum damit verknüpft, dass ich Menschen motiviere, das Beste aus sich herauszuholen, oder setze ich auf die niederen Instinkte? Das sind extrem schwer zu beantwortende Fragen, wenn man sie als Unternehmen ernst nimmt.

Was glaubst du welche Fähigkeiten/ innere Haltung Mitarbeiter aber insbesondere Führungskräfte in  Zukunft haben müssen?

Machine Learning verstehen, weil Maschinen die produktive Arbeit leisten werden. Empathie entwickeln, weil Menschen die humanitäre Arbeit machen werden. Erfahrungen mit Gemeinschaftsaktivitäten, ob durch Vereinsport, Entwicklungsarbeit oder als Pfadfinder; sie alle fördern den Sinn für die Gemeinschaft. Schön wäre eine Liebe für die Ästhetik, in Form von Musik, Tanz, Malerei, Gedichte, es gibt hunderte Möglichkeiten. Ästhetik fördert die Fähigkeit die Außenwelt mit unserem Inneren zu verbinden, ohne Gefahr zu laufen oberflächlich zu werden. Vieles was heute im Marketing passiert ist oberflächlich, weil es nicht das Herz der Menschen berührt, es ist nur Gimmick.

Glaubst du dass es sich auf Menschen auswirkt, wenn Unternehmen eine Vision haben, die begeistert, eine Mission und Werte die als Orientierung dienen?

Ich schlage vor, dass Unternehmen ihre eigenen Werte definieren oder meinetwegen organisch entdecken und dann diese Werte nach außen kommunizieren anstatt von Visionen zu sprechen. Microsoft hatte mal die Vision entwickelt, dass auf jedem Schreibtisch ein PC stehen sollte. Daran gemessen hätten sie seit zehn Jahren nicht mehr existieren dürfen und in der Tat haben sie die Vision von einem Superrechner in jeder Hosentasche komplett verpasst. Nike andererseits sieht in seinen Produkten eine Anerkennung des Sportlers und des Sports. Das ist ein Bekenntnis zu einem Wert. Keine Marke auf dieser Welt ehrt Frauen mehr als Nike Women. Wer als Frau Nike Sportsachen anprobiert hat und wer als Mann, Frauen beim Shopping von Sportklamotten begleitet hat, erkennt das. Sie verstehen ihr Produkt, sie verstehen ihre Kunden, und die Ehrung erkennt jede Frau in der Liebe zum Detail. Es gibt einen Yoga „Schuh“ von Nike. Niemand stellt Yoga Schuhe her. Der Yoga Kult wehrt sich mit allen Mitteln gegen das Tragen von Schuhen. Aber Nike Studio Wrap ehrt die Frau, die sie trägt so sehr, dass es den Wahrheitsgehalt von „Bei Yoga werden keine Schuhe getragen“ relativiert. Hier ist ein Video zum Nike Studio Wrap, das ich jedem Produktmanager empfehle. Sind Nike Yoga Schuhe für Frauen die Umsetzung einer Vision von Yoga Schuhen oder die Vollendung der Ehrung von Sport* und Sportlern? Für mich haben die Werte eines Unternehmens den Vorrang vor der Vision. * Mir ist bewusst, dass es eine sehr berechtigte Diskussion darüber gibt, dass das wahre Yoga nichts mit Sport zutun hat. Die Yoga Sportindustrie ist dennoch existent. Das gibt meiner Argumentation die Relevanz.

Welche Erlebnisse in deinem Leben haben dich besonders geprägt?

1986 haben mich meine Eltern von Iran nach Deutschland gebracht. Das hat definitiv die letzen dreißig Jahre meines Lebens geprägt. Ich war dreizehn und meine Sozialisation als Teenager fand in den 80ern in Deutschland und Europa statt. Pop Musik, Fall der Mauer, Wiedervereinigung, der Euro, Globalisierung und das Internet. Die volle Packung. 

 Was wolltest Du als Kind werden / was bist du geworden? Was war damals die Vision für dein Leben?

Ich wollte ein Ingenieur werden, der die Maschinen baut, die in den populären Zeitschriften als Science Fiction Erfindungen angepriesen die Welt im Jahre 2000 verändern würden. Es kam alles etwas anders. Zum einen habe ich später meine Liebe zum Programmieren entdeckt, zum anderen war 2000 jetzt nicht so das Science Fiction Jahr. Die Zukunft bleibt dennoch spannend.

Was ist für dich Sinn im Leben?

Die Frage, die ich alle zehn Jahre anders beantworte. Ich glaube nicht, dass es einen wesenhaften Sinn im Leben gibt, außer dass das Leben selbst einen Willen zum Leben hat, wie Albert Schweitzer das so schön ausdrückt. Darüber hinaus sind wir frei unserem Leben einen Sinn zu geben. Ich glaube, dass Erfahrungen, Bildung und Werte diesen Sinngebungsprozeß beeinflussen. Das kann sehr persönlich werden und das ist auch gut so. Wenn man aber alles wegkratzt, um es auf einen Nenner zu bringen, dann ist der Sinn des Lebens am Ende das Leben. Doch das ist so, als würde man sagen, der Sinn des Internets ist es #Catcontent zu verteilen.

Wie wichtig ist er – auch bei deiner Arbeit?

Ich habe drei Maxime aus meiner Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens entwickelt: Leben, Freiheit, Oneness, die ich mir zum 42. Geburtstag geschenkt habe. Ich finde jeder sollte sich zum 42. die Antwort des Lebens schenken : ). Alles was ich im Leben mache, ob privat oder beruflich, muss das Leben mehr schützen als ihm schaden. Freude maximieren, Leid minimieren und dabei Ressourcen schonen. Das gilt für mein Leben genauso, wie das Leben Anderer (auch anderer Lebewesen). Alles was ich mache, muss die Freiheit des Geistes unterstützen, und es muss uns mehr zusammenbringen, als uns voneinander zu entfernen. Jeden Tag wenn ich aufwache, bekomme ich eine neue Chance. Dann interessiert mich nur, dass mein Verhalten soweit wie möglich mit den drei Maximen im Einklang ist. Das ist alles, was mich für 16 bis 18 Stunden interessiert. „Simple, not easy“ würde eine sehr gute Freundin sagen. In den letzten drei Jahren hat sich jede Ecke meines Lebens, mit der ich mich unter der Beleuchtung dieser drei Prinzipien bewusst auseinandergesetzt habe, radikal verändert. Essen, Trinken, Aktivitäten, Gemeinschaft, Freunde, Familie und selbstverständlich auch die Arbeit. Was oder wer diese Werte unterstützt, kommt in mein Leben rein, was oder wer sie verletzt, wird verbannt. Es gibt keine kategorische Ausnahmen, weil es keine anderen Bewertungskriterien mehr in meinem Leben gibt. Es gibt nur praktische Ausnahmen, weil ich jeden Tag fehlbar bin, und das ist OK. Es ist ein viel einfacheres Leben aber zugleich ein unglaublich reicheres Leben als vorher.

Was treibt dich an?

Energie. Die steckt nicht nur in der Nahrung. Sie steckt in jedem freundlichen Hallo, es steckt in einer Umarmung, in den Träumen, in Leidenschaft, in der Widerstandsfähigkeit von Menschen die ich bewundere, weil sie trotz Schicksalsschlägen weitermachen, in Musik, in Spoken Poetry von Sarah Kay oder Coleman Barks‘ Interpretation von Rumi und im Spiel.

Was bremst dich manchmal?

Meine Ängste. Die Projektion von schlechten Erfahrungen auf die Zukunft. Auch wenn ich intellektuell weiss, dass die Vergangenheit schon längst passé ist und die Zukunft nicht existiert. Es ist dieses ‚Nichtloslassen‘ können, das mich bremst. Es passiert mir nicht oft. Ich kann sehr unverschämt – manche würden sagen kaltherzig – sein und konsequent loslassen, aber manchmal hänge sogar ich an die Vergangenheit. Das bremst mich, das erstarrt mich.

Was/Wer hat dich am meisten geprägt?

Ich habe zwei echte Vorbilder und zwei fiktionale. Die echten sind Steve Jobs und Muhammad Ali. Beide sind schon nicht mehr hier. Die fiktionalen Vorbilder sind Rocky und Rick Blaine (Echte Filmkenner wissen wer Rick Blaine ist). Steve Jobs verbindet die Philosophie des Ostens mit dem Unternehmertum des Westens, die Musik mit Führung, die Schönheit mit Bits und Bytes, eigentlich alles mit allem. Menschen glauben Apple Produkte verkaufen sich gut, weil sie gut aussehen, es wären “Designer” Produkte. Hier ist was Steve Jobs zu Design sagt:

“Most people make the mistake of thinking design is what it looks like. People think it’s this veneer – that the designers are handed this box and told, ‘Make it look good!’ That’s not what we think design is. It’s not just what it looks like and feels like. Design is how it works.” Über Dinge tief nachzudenken und verstehen wie die Zusammenhänge sind, erlaubt einem höhere Ziele zu setzen.

Sein größtes Werk Apple wird in die Geschichte eingehen, als das Unternehmen, das unsterblich werden könnte. Wer nicht erkennt, dass Apple nicht Gewinnmaximierung anstrebt, sondern die Existenz für die Ewigkeit, hat Apple nicht verstanden. Die Gewinne sind nur ein Instrument, nicht das Ziel. Steve Jobs lehrte mich niemals meine Ziele klein zu setzen. Früher hieß es Mondziele setzen, Elon Musk lehrt uns Marsziele zu setzen. Grundsätzlich gilt: egal wie hoch man seine Ziele setzt, sie sind nicht hoch genug gesetzt.

Ali ist ein Vorbild, weil er selbst bestimmt hat, was er ist und welchen Wert er hat, in einer Zeit, in der alles um ihn herum ein Symbol dafür war, dass er nichts wert ist und Viele, denen er begegnete, ihm das Gefühl gaben, nichts wert zu sein. Ali schaute sich das an und er sagte: „Nein, nichts definiert mich, niemand definiert mich. Ich definiere mich als den Größten, alles andere unter dem Größten ist inakzeptabel. Hautfarbe, Herkunft, Sozialer Status, Reichtum oder Bildung als Definition meiner Identität inakzeptabel. Ali hat sich solange als den Größten definiert, bis er der Größte wurde, und das ist sein Geschenk an die Humanität. Das ist sein Geschenk an die Freiheit. Die Tatsache, dass ich diesen Namen trage, ehrt mich, gleichzeitig ist sie eine Verpflichtung mich zu wehren, wenn andere mich definieren versuchen. Ali lehrte mich, mich von niemandem kleinmachen zu lassen. Rocky lehrte mich, dass Erfolg nichts mit dem Sieg zu tun hat, sondern damit seine Chancen wahrzunehmen, nicht aufzugeben und immer aufrichtig zu bleiben.

Wenn man zehn Menschen fragt, wie der Film Rocky ausgegangen ist, werden mindestens acht sagen: „Rocky hat Apollo besiegt“. Hat er nicht, er hat nach Punkten verloren, aber Menschen haben Rocky gefeiert, nicht Apollo. Siegen und Erfolg sind nicht dasselbe. Wer den Unterschied verstanden hat, wird immer erfolgreich sein. Das Gegenteil vom Gewinn ist die Niederlage, das geschieht anhand von Punkten und ist nicht immer von einem selbst abhängig. Das Gegenteil vom Erfolg ist Scheitern, das geschieht nur durch Selbstaufgabe. Die Tatsache, dass so viele mit der Deutung des Filmendes falsch liegen, ist ein Testament zu dem, was Rocky groß macht. Es ist ein Testament für das, was im Leben wirklich wichtig ist. Wenn Menschen kollektiv falsch liegen, dann ist es nicht weil Menschen dumm sind, sondern weil wir auf die Antwort zu einer falschen Frage beharren. Wenn man zehn Menschen fragt, ob Rocky ehrlich zu seinem Sport war, werden die meisten Menschen die Frage mit ja beantworten. Was Rick Blaine angeht, da spielt sehr viel Persönliches noch eine Rolle, es hat was mit Liebe, Beziehung, Selbstwertgefühl zutun. Was einen Mann ausmacht.

Was Rick Blaine angeht, da spielt sehr viel Persönliches noch eine Rolle, es hat was mit Liebe, Beziehung, Selbstwertgefühl zutun. Was einen Mann ausmacht. 

Hast du einen Leitsatz für dein Leben?

Ich habe zwei Leitsätze. Einen für den täglichen „Kampf“ da draußen; der ist natürlich von Rocky:

“Let me tell you something you already know. The world ain’t all sunshine and rainbows. It’s a very mean and nasty place, and I don’t care how tough you are, it will beat you to your knees and keep you there permanently if you let it. You, me, or nobody is gonna hit as hard as life. But it ain’t about how hard you hit. It’s about how hard you can get hit and keep moving forward; how much you can take and keep moving forward. That’s how winning is done! Now, if you know what you’re worth, then go out and get what you’re worth. But you gotta be willing to take the hits, and not pointing fingers saying you ain’t where you wanna be because of him, or her, or anybody. Cowards do that and that ain’t you. You’re better than that!

Und einen für den „inneren Frieden“ von dem großartigen Nipun Mehta:

Our consumer culture programs us to expect something in return for everything we give, and as a result, we often miss the true value of giving. Embedded in any act of generosity is the potential for inner transformation. Done right, we won’t necessarily have more, but discover through a sense of inter-connection with all life that we require less. As our awareness grows, we understand our role as instrument of a larger unfolding and witness each small act of service as an unending ripple that synergizes with countless others, all part of a collective wave. With that understanding, we begin to play our part—first, by becoming conscious of the offerings we receive, then by holding gratitude for them, and finally by continuing to pay it forward with a heart of joy.

Würde ich in weniger als 140 Zeichen schreiben, mein Leitsatz fürs Leben wäre „Kampf und Frieden“. Würde das den eigentlichen Sinn komplett marginalisieren, dann könnte ich auch einfach #CatContent posten 😀

One Comment

  • jke sagt:

    Schöne Antworten, ganz der Ali. Auch wenn mir die Vorbilder immer etwas zu sehr mainstreamig sind. Und den Rick Blaine musste ich auch erst ergoogeln :-)

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