Erwachsen werden? Aus dem Alter bin ich raus.

Erwachsen-werden

Ich war kürzlich auf einem Workshop. Eine Übung, die mich dabei sehr beeindruckt hat, war die, sich in die Kindheit zurück versetzen zu lassen und aufzuschreiben, wovon man geträumt hat. Ich konnte wieder die Unbeschwertheit und Lebensfreude spüren, die ich damals hatte. Das Gefühl von Freiheit und dass alles möglich ist, wenn ich mal groß bin. Ich wollte reisen, Schätze entdecken und neue Länder. (Und dabei Kleider tragen wie Ava Gardner und so lustig sein wie Katherine Hepburn. Stil war wichtig ;).

In der nächsten Übung saß mir jemand gegenüber, der immer wieder mein Alter widerholte und mitschrieb. Immer wieder diesen Satz ins Gesicht gesagt zu bekommen; das macht was mit einem. (Das können Sie auch vor dem Spiegel für sich probieren). Es wird einem bewusst, was man schon alles geschafft hat aber auch, wie viel Zeit nur noch übrig ist.

Danach wurden die beiden Zettel verglichen. Die dreißig Teilnehmer waren zwischen fünfundreißig und achtzig Jahre alt. Es war alles dabei, vom Projektleiter bis zur Yogalehrerin. Das war der Moment, in dem die Ersten in Tränen ausbrachen. Vor allem die Älteren.

Wo sind Ihre Träume und Wünsche aus der Kindheit geblieben?

Denn manche merkten zum ersten Mal, wie extrem ihr Leben sich von ihren Wünschen und Träumen weg entwickelt hatte. Von der Person, die sie einmal als Kind gewesen waren. Wie viel sie äußeren Zwängen und Ansprüchen geopfert hatten.

Das war oft verständlich, weil viele Häuser kauften und Kinder groß gezogen hatten. Eingebunden waren in Strukturen, die enge Zeitrahmen vorgaben, wie Stundenpläne und Arbeitszeiten und Schulferien, der Ex Partner, der nur zu bestimmten Zeiten die Kinder nehmen konnte und oft genug Pläne sabotierte. Abhängigkeiten zu Menschen, deren Leben stark strukturiert war und denen sie sich angepasst hatten. Und über die Zeit damit unglücklich geworden waren.

Wo ist die Kreativität geblieben? 

Viele waren als Kinder sehr kreativ aber oft erzählten sie, dass sie das aufgegeben hatten, weil die Zeit fehlte. Wenn es nur das Wochenende gab und der Partner und die Kinder Zeit beanspruchten, war unbemerkt das, was sie liebten immer weniger geworden und hinten runter gefallen. Weil die ewigen Diskussionen zu viel Energie kosteten. Weil es den Streit nicht wert gewesen war. Und sie jetzt merkten, dass es ihn sehr wohl wert gewesen wäre. Weil sie zu sehr bereit waren sich selbst aufzugeben für den anderen. Das ist mir auch schon passiert.

Manche Menschen brauchen als Vehikel Kinder um sich selbst zu erlauben mal wieder Kind zu sein. Wir sind so darauf getrimmt die Erwartungen von anderen zu erfüllen, dass wir es selbst dann tun, wenn wir es gar nicht mehr tun müssten. Wenn wir eigentlich die Freiheit haben unser Leben selbst zu bestimmen. Nur noch das zu tun, was uns Spaß macht.

Mich hatte diese Übung sehr glücklich gemacht, weil ich zum ersten Mal merkte, dass ich instinktiv sehr viel von dem umgesetzt hatte, wovon ich als Kind geträumt hatte.

Und ich hatte das im Leben oft verteidigen müssen, weil ich mir die Freiheit genommen hatte für mich zu entscheiden.

Als es kürzlich regnete, habe ich mich gefragt, wann ich eigentlich zum letzen Mal in eine Pfütze gesprungen war. Da muss ich Sieben gewesen sein. Und machte es spontan. Warum verbieten wir das Kindern eigentlich? Es gibt Waschmaschinen.

Warum geben wir Kindern so oft vor wie man Dinge bauen muss oder sie malt. Wie sie aussehen müssen? Wenn wir ihnen nur das beibringen, verbauen wir ihnen die besten Chancen, Neues in die Welt zu bringen. Denn wir ziehen in den kleinen Köpfen die Grenzen so viel enger, als sie eigentlich sind. Sich dagegen zur Wehr zu setzen, schaffen nur die krativsten Hirne. Damit nutzen wir nur einen Bruchteil des Potenzials, das die Menschheit eigentlich hat. Und das ist traurig.

Kuschelige Komfortzonen

Es sind nicht die Kinder die das Problem haben. Es sind wir. Weil unser Blick auf unser Leben und unsere Möglichkeiten so stark geschrumpft ist, dass wir glauben zu wissen wie Dinge sein müssen. Wir gehen in alte Gewohnheiten zurück, weil sich die Komfortzone so kuschelig anfühlt, uns aber gleichzeitig nach einer Weile erstickt. Wir entscheiden uns unbewusst immer wieder für dasselbe auch wenn es nicht danach aussieht zuerst. Aus Sicherheitsbedürfnis, aus Angst.

Ich liebe Baumhäuser. Mein Traum wäre irgendwann wieder eines zu bauen. Als Kind hatte ich ein Spielzeugauto, von dem schon völlig die Farbe abblätterte. Es war ein Landrover.

Ich werde wieder einen haben. Nicht für immer und nicht für Deutschland. Es geht um die Idee, die dahinter steht. Eingefahrene Straßen zu verlassen und offroad ins Unbekannte zu fahren. Beruflich habe ich damit vor einiger Zeit angefangen.

In den Zwanzigern glaubte ich noch auf jeder Party dabei sein zu müssen. Es war noch wichtig wie ich auf andere wirkte. Was sie dachten. Wie ich andere zufrieden stellen konnte. Im Job und privat. Ich mache mittlerweile fast nur noch das, was mir wirklich Spaß macht und entscheide Dinge spontan. Pläne gehen mir immer mehr gegen den Strich. Zumindest im Privatleben will ich von jetzt auf Gleich entscheiden könne, was mir Spaß macht und wozu ich Lust habe. Es hat eine Weile gedauert, mir das selbst zu erlauben.

Warum gehen wir wieder selbst in die Gefangenschaft?

Das ist ein wenig wie die Geschichte mit dem Elefanten, den man als Baby mit einem Seil an einen Pflock im Boden band. Er war sein Leben lang gewohnt, sich nur im Radius des Seils bewegen zu können. Selbst als er so groß wurde, dass er mit Leichtigkeit den Haken aus dem Boden hätte reißen können, tat er es nicht. Er kam gar nicht auf die Idee.

Ich habe gerade eine Klientin, die Beamtin ist. Das ist ein extrem starkes Seil und es berührt mich, wie sie daran herum zerrt, obwohl alle ihr zubrüllen, es nicht zu tun. Sie schafft es noch nicht sich Freiheit und Lebensfreude und Spontanität selbst zu erlauben. Aber ich glaube, dass sie den Haken herausziehen wird. Mit einem riesigen Ruck.

Wann haben Sie zum letzen Mal versucht am Seil zu ziehen? Oder binden Sie sich selbst sogar immer wieder daran fest, obwohl Sie frei sein könnten? Begeben Sie sich in Strukturen und Zwänge zurück, in die Sie gar nicht zurück müssten?

Warum?

Unterschrift

2 Comments

  • Peter Tritschler sagt:

    Ein guter Artikel, der wachrüttelt aber auch frustriert. Er regt mich dazu an, mal wieder darüber nachzudenken, inwieweit ich das tue was mir wirklich Freude macht, von dem ich einmal geträumt habe oder noch träume. Frustrierend weil ich erkennen muss,wie sehr ich mich durch andere Personen und festgefahrenen Strukturen davon abbringen lasse. Ich bin jetzt 65 und habe den Haken immer noch nicht raus. Naja, vielleicht schaffe ich es noch.
    Peter

    • JBmindset sagt:

      Hallo Peter
      Vielen Dank für das Lob.
      Wenn man etwas erkennt, ist es ja der erste Schritt eine Entscheidung zur Veränderung zu treffen.
      Herzlich Jeanette

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