Coaching und der Wunsch immer perfektererer zu werden

Perfekterer-Artikel

Ja, „perfektererer“ habe ich mit voller Absicht so geschrieben. Kürzlich habe ich Studenten gecoacht und war begeistert davon, wie sehr die sich für Persönlichkeitsentwicklung, Meditation, usw. interessierten. Als ich in dem Alter war, gab es dazu gar keinen Zugang. Oder es wurde in die „Therapie=Krankheit“ oder Esotherik Ecke gestellt. Neurowissenschaftliche Untersuchungen dazu gab es kaum.

Vor einer Weile erzählte mir eine Freundin davon, dass ihr Chef sich mit vierundfünfzig Jahren umgebracht hat. Zu so einer Tat ist kein Mut nötig, wie Viele glauben, sondern abgrundtiefe Verzweiflung, der ein langer Leidensweg vorausgegangen ist, an dessen Ende der Tod nur noch Erlösung war. Gut also, wenn immer mehr Menschen schon in jungen Jahren lernen, wie sie sich vor Depression und Burnout schützen können. Es sind aber immer noch viel zu wenige.

Am Sonntag wurde ich zur Frage interviewt, ob sich Coaching in der Zeit der Digitalisierung ändern muss. Die Auswahl wird immer größer, wofür sich junge Leute entscheiden können, die Taktung immer schneller, die Ansprüche und der Druck immer höher. Der Suchtmittel Konsum ist so hoch wie nie zuvor, die Zahl derer, die an Depressionen erkranken steigt weiter. Meiner Ansicht nach muss Coaching sich trotzdem nicht ändern. Weiter entwickeln wird es sich ohnehin immer. Es ist momentan speziell von Digitalem Burnout die Rede und Digitaler Demenz. Aber die zugrunde liegenden Themen sind immer die gleichen. Alte Muster und unbewusste Überzeugungen, fehlender Selbstwert, fehlende Fähigkeit zur Abgrenzung, fehlendes Selbst-bewusstsein. Was also dringend nötig wird, ist Prävention. Und das muss in den Schulen schon anfangen. Mit Meditation und Unterricht, der Empathie fördert bzw. die Fähigkeit Gefühle, bei sich selbst und anderen wahrzunehmen. Coaching setzt eigentlich dann an, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Menschen die zu einem Coach kommen, haben oft lange Leidenswege und eigene Lösungsversuche hinter sich. Coaching kann die Lebensqualitätwieder verbessern.

Wenn die Idee dahinter nicht falsch verstanden wird. Perfektionismusstreben, das wir als Kinder lernen, kann nämlich auch in die Sucht nach totaler Selbstoptimierung führen. So dass man vor lauter Erkenntnis und Wissen gar nichts mehr im Gefühl spürt. Und enttäuscht ist, wenn das Leben danach trotzdem nicht immer ein Ponyhof ist. Die Haltung dazu wird nur eine andere und die Möglichkeiten darauf zu regieren werden im besten Fall mehr.

„Du musst das doch können / wissen / schaffen – du bist doch Coach.“

Den Satz haben mir zwar auch schon andere Menschen gesagt aber am meisten habe ich den von mir selbst gehört. Und versucht dem Anspruch gerecht zu werden. Gerne mit noch einer zusätzlichen Ausbildung.

Da gibt es nur ein kleines Problem. Jeder Mensch hat Ängste, Muster und Steuerungsprogramme. Auch Coaches. Aber man hat  ja all das Wissen. Da muss man doch in jeder Situation die Bedürfnisse des Gegenübers erkennen, sich einfühlen und angemessen und perfekt handeln können. Und dabei die eigenen natürlich auch immer verständnisvoll im Blick haben. Die eierlegende Perfektionscoachwollmilchsau. Das ist ein Anspruch, der schwer zu erfüllen ist. Und der auch totaler Blödsinn ist, wie mir mal wieder eine Kollegin freundlichwerweise beigedrückt hat.

Das Thema mit den Mustern ist komplex

Die erste große Herausforderung ist zu merken, dass man Muster hat (und die hat ausnahmslos jeder).

Die zweite ist, da auch mal genauer hingucken zu wollen.

Die dritte ist, sie herauszufinden, zu erkennen und zu reflektieren.

Die vierte, sie aufzulösen. Solche, die sich emotional in der Kindheit tief eingegraben haben, bleiben uns leider oft erhalten.

Die fünfte Herausforderung ist es, nicht mehr auf sie anzuspringen bzw. Möglichkeiten zu entwickeln, aus ihnen heraus zu kommen und anders zu handeln.

Coaches geht es da nicht anders als anderen Menschen. Sie haben es nur bis zu einer etwas höheren Stufe gebracht. Die Arbeit ist aber für jeden die gleiche. Jeden Tag. Ich habe etwa fünfzig Kollegen in meinen Ausbildungen erlebt. Da war alles dabei, von der Kindergärtnerin über Psychologen, bis zu Projektmanagern. Die Motivation, die Ausbildung zu machen, war in den meisten Fällen im Kern persönlicher Natur. Oder sie wurde es ganz schnell, als die Abrissbirnen auf die persönlichen Fassaden zu rollten.

In der Arbeit als Coach ist Perfektionismus sogar gefährlich. Weil man sich damit von seiner Empathiefähigkeit abtrennt, wenn man nur noch mit der Sache beschäftigt ist, statt mit dem Gegenüber verbunden zu sein. Denn Mitgefühl für andere ist nur möglich wenn man für sich und seine eigenen Themen Mitgefühl empfinden kann. Sonst bescheißt– pardon – man die Klienten bzw. in erster Linie sich selbst.

Letztlich ist Coaching nur solide gelerntes und angewendetes Handwerk.

Nicht mehr und nicht weniger. Und es kann nicht alle Themen lösen. Dafür gibt es viele andere gute Methoden. Den richtigen Weg muss am Ende jeder für sich selbst finden. Ein Coach kann nur Anregungen geben.

Es ist ein schmaler Grad zwischen Persönlichkeitsentwicklung und „sich zu Tode zu optimieren.“ Unsere Muster und Macken, Ecken und Kanten, machen uns schließlich auch zu interessanten Persönlichkeiten. Schädliche Muster zu erkennen um anders handeln zu können: OK.  Die eigenen Ressourcen zu entdecken und Zugang zu ihnen zu bekommen: OK. Aber sich endlos optimieren zu wollen, geht komplett gegen das, um was es eigentlich geht: sich selbst zu akzeptieren, so wie man ist und Mitgefühl für sich selbst zu haben. Nur dann hat man es auch mit anderen und ist sich bewusst darüber, was man bei ihnen mit dem eigenen Verhalten auslöst.

Für was wollen wir geliebt werden?

Für das, was wir darstellen oder für das, was wir sind –in aller Unperfektheit? Nicht so einfach in Zeiten der sozialen Medien, in denen jeder ein perfektes Ich kreieren kann. Wenn wir ehrlich sind, haben wir alle die Sehnsucht nach Letzterem. Schlichtweg, weil das der bedingungslosen Liebe von Eltern am nächsten kommt (die so kaum jemand erlebt hat). Das setzt aber voraus, dass wir uns selbst annehmen wie wir sind, damit wir den Mut haben, einen anderen Menschen hinter die Fassade blicken – oder besser – fühlen zu lassen. Sonst haben wir vielleicht Bewunderer und einen Fanclub. Aber niemanden der uns wirklich liebt.

Perfektionismus bedeutet, einen Plan davon zu haben, wie die Dinge zu sein haben. Wie man selbst handeln muss und wie andere handeln müssen. Um Ergebnisse zu erzielen. Das gibt keinen Raum mehr dafür, dass sich Dinge entwickeln können.

Ich persönlich kapituliere gerade auf jeder Ebene vor meinem Wunsch es immer perfekt und richtig machen zu wollen und der Idee, wie Dinge zu sein haben. Weil es verdammt anstrengend ist. Weil wir uns immer in Bezugssystemen befinden, die wir nicht berechnen können. Weil man unlocker wird. Weil es Andere irgendwann nervt. Weil man nur etwas mehr Stress als sonst haben muss, damit einem das Ganze um die Ohren fliegt und man überreagiert. Weil Leichtigkeit schwer wird. Weil es Spaß und Humor tötet. Weil ausflippen auch mal ganz gesund ist.

Und weil der Heiligenschein drückt und bescheuert aussieht, solange man noch am Leben ist.

Perfektionismus tötet echtes Mitgefühl.

Als Coach bin ich immer dann am besten, wenn ich den Verstand nur so weit wie nötig anschalte, loslasse und sehr auf meine Intuition höre. Eben mitfühle. Wir sind über spürbares Gefühl so viel mehr mit anderen Menschen verbunden, als es durch Sprache jemals möglich ist. Die Botschaft bestimmt ja ohnehin immer der Empfänger. Ansich ist Kommunikation – wenn sie denn noch im persönlichen Ausstausch stattfindet – ohnehin eine Aneinanderreihung von Missverständnissen. Denn schon das Telefon „schluckt“ 80%, der Bedeutung einer Botschaft. Von Textnachrichten gar nicht zu reden.

Perfektionismus blockiert Kreativität

Ich lese gerade eine Biografie über Leonardo da Vinci. (Sie müssen nicht beeindruckt sein. Sie ist streckenweise stinklangweilige und ich überblättere viel ;). Er personifizierte die Renaissancezeit (Widergeburtszeit), in die er geboren wurde. Sie war eine Zeit des Wandels. Alte Glaubensvorstellungen brachen zusammen, es gab heftige politische Kämpfe, die Wirtschaft wuchs mit gewaltiger Geschwindigkeit, es wurden ständig unbekannte Länder entdeckt. Alle Gesetzbücher wurden neu geschrieben. Wenn alles möglich ist, kann nichts als sicher gelten.

Leonardos Aufzeichnungen sind auch nicht stringent. Sie sind chaotisch. Er griff oft viele Themen und Ideen gleichzeitig auf, verwarf sie wieder und kam später auf sie zurück, um sie weiter zu entwicklen. Er beobachtete sehr genau und hinterfragte die Welt wie ein Kind. „Warum?“ muss sein Lieblingswort gewesen sein. Er schaffte perfekte Statuen, Gemälde und Baupläne für Maschinen. Aber immer entstanden sie aus Chaos.

Kreatives Arbeiten funktioniert so – aus Fehlschlägen, Sackgassen und Chaos, das sich langsam ordnet.

Leonardo hatte eine lebenslange Obsession für den Vogelflug. Und mit dem Traum vom Fliegen, kam auch die Angst vor dem Absturz. Renaissance Menschen waren daher auch voller Fragen, Selbstzweifel, ruhelos und geprägt von Selbsterforschung.

Heute würde man sie als „Scanner“ bezeichnen. Vielseitig interessierte Menschen, die aufgrund ihrer vielfältigen Interessen sehr viel mehr schaffen können, wenn sie mehr umsetzen, statt es perfekt machen zu wollen.

Und in einer Zeit – ich meine unserer – , in der wieder so viel im Umbruch ist, sich alles unglaublich schnell entwickelt und wandelt, sind Anpassungsfähigkeit, Offenheit und Improvisationstalent viel wichtiger. Denn genau da sind wir wieder. Im Übergang. Vom Informations- und Wissenszeitalter zum konzeptionellen Zeitalter der Kreativen und Ideengeber. Und zu diesen Themen werde ich hier in Zukunft noch mehr schreiben.

Falls Sie sich auch wiedererkannt haben, rammen Sie Ihrem Perfektionismus vielleicht auch mal ein Messer in den Rücken. Es tut richtig gut ihn dahinsiechen zu sehen. Ich hoffe, dass keiner kommt und bei meinem Wiederbelebungsmaßnahmen einleitet.

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